Vorsprung durch Technik – Unsere L’Eroica 2012

Welches Rad nehm ich mit? Was zieh ich an? Welche Strecke fahr ich überhaupt? Welche Übersetzung brauch ich in diesem Jahr? Welche Reifen bringen mich geschotterte Berge rauf und wieder runter?

Genau diese Fragen stellen sich unzählige Freunde und ein paar Freundinnen klassischer Rennräder überall auf der Welt, um dann am ersten Wochenende im Oktober die Antwort zu liefern. Es ist Zeit für L’Eroica. Oder wie man in Sachsen sagt: Die Erodica.

Nachdem die Klassikermannschaft die 75 km Strecke bereits im Vorjahr erfolgreich bewältigt hat, sollte eine neue Herausforderung her. Unter der harten, aber gerechten Ägide des schottischen Meistertrainers McRicci quälte sich das Team mit reichlich Krämpfen, Schweiß, Sitzcreme und Energieriegeln durch die Vorbereitung, um im Herbst 2012 gestählt an Körper und Seele den Weg in die Toskana anzutreten.

Die ersten Tage im Chianti verbrachte die Klassikermannschaft mit ausgiebigem soignieren, gutem Essen, leckeren Wein und einigen kleineren Ausflügen über die zahlreichen Schotterpisten der Umgebung. Letzte Einkäufe auf dem Teilemarkt halfen diverse mehr oder minder notwendige Feinjustierungen an Mensch und Maschine vorzunehmen. Testfahrten unter Wettbewerbsbedingungen mit konkurrierenden Mannschaften aus den deutschen Netzgemeinden stimmten schließlich auf den Ernst der Lage ein, ließen uns jedoch zuversichtlich auf den großen Tag blicken.

Am frühen Morgen des Sonntags sahen wir anfangs kaum etwas. Zumindest nicht mehr, als die schmalen Lichtkegel unserer Batterielampen erhellten. Doch gerade deshalb war die Abfahrt vom Kloster um 6 Uhr am Morgen der erste echte Höhepunkt des Tages. Dunkelheit und Nebelschwaden, Dunst, Ruhe und der Wald vermittelten eine einzigartige Stimmung, welche den frühen Aufbruch mehr als wettmachte.

Unten in Gaiole erwartete uns Paul von BlueOn Bike auf dem schönen Reus-Renner seines Vaters um, wie Tags zuvor auf dem Teilemarkt vereinbart, gemeinsam mit uns die 135er Runde zu absolvieren.

Die Startzeit erwies sich für uns als goldrichtig gewählt, da wir die erste Schotterabfahrt des Tages, hinab vom Castello di Brolio, im morgentlichen Zwielicht und daher halbwegs sicher, absolvieren konnten. Die frühen Stunden des Tages mit atemberaubenden Ausblicken über nebelverhangene Täler haben uns ganz besonders beeindruckt. Allerdings waren wir ja nicht nur zum Spaß in Italien, deshalb wurde bis zur ersten Verpflegungsstation recht ordentlich aufs Pedal gedrückt. Dort wurde offenbar: Die Fahrer der längeren Strecken sind hungriger und in der Nahrungsbeschaffung rustikaler als auf den kurzen Touren, ohne leichten Ellbogeneinsatz gab’s nix zu essen oder trinken. Stand man dann mal in der ersten Reihe, lächelten die eifrigen Helferinnen und die belegten Brote um die Wette.

Der nächste Abschnitt hatte dann eine wunderschöne Schotterabfahrt zu bieten, die wir mit ordentlichem Tempo hinab flogen. In einem Fall im wahrsten Sinn des Wortes. Daher noch mal zu den Anfangsfragen, auf die wir durchaus Antworten fanden: Reifen mit Profil sind im Vorteil. Bergauf und Bergab. Eine vernünftige Schotterabfahrtstechnik schadet auch nix, aber das Material hilft und macht’s manchmal einfacher. So waren zum Beispiel unsere 6- bzw. 7-fach indizierten Schaltwerke für eine sportliche Fahrt Gold wert und sicherten uns gerade bei den vielen Bergprüfungen meist die Punkteränge. Während es bei vielen Schaltvorgängen um uns herum ordentlich knusperte, genossen wir typisch deutsch unseren Vorsprung durch Technik. Dafür gibt’s in der Heldenwertung deutliche Abzüge. Hier waren die großen italienischen Teams sicher unangefochtene Meister. Sorglos wird das uralte Material über die Strecke geritten. Monströse Blätter vorne, Maiskolben hinten, an den Speichen klingelnde Schaltwerke und Schlauchreifen aus der Zeit der alten Etrusker – alles kein Problem für die stählernen Recken Italiens. Wir mussten allerdings des öfteren unsere Fahrkunst beweisen um die großen Trauben an Mannschaftsfahrern, welche sich um den Kollegen mit dem geplatzten Reifen bildeten, auf der dadurch schmal gewordenen Piste zu umschiffen.

Erwähnenswert erscheinen uns zudem die vom Veranstalter kreativ erdachten Zusatzprüfungen, die in diesem Jahr zum ersten Mal unter dem Namen „Azione di piccolo gruppo“ eingesetzt wurden. Zuerst galt es die Attacke der von vielen Radrennen bekannten gemeinen Haushaltsheftzwecke zu überstehen, was leider nicht allen Fahrern gelang, mitfühlende Grüße daher nach München. Großartig auch die im Anschluss extra herbeigeschaffte Ziegenherde, die von alten, zotteligen Hunden der Prä-1987er-Zeit immer wieder an den stehenden Fahrern vorbeigescheucht wurde – Männer, die auf Ziegen starren und von räudigen blinden Hunden angebellt werden – Demnächst im Kino. Die Kulisse rund um die Ziegenherde hatte es übrigens in sich, ein Schotterhöhenzug mit drei Tälern, der die Beine schön mürbe machte. Egal, ob zu Fuß oder fahrend. So was nennt man dann ambitioniertes Terrain. Manche sagen auch einfach nur Aua.

Bei uns währte der Schmerz allerdings nur kurz. Die speziell trainierte Erholungsfähigkeit, die durchweg hervorragende Verpflegung, das mehr als reichliche Soignieren der Vortage, alle dies liess uns erstaunlich flott und ob der vielen Höhenmeter unbeeindruckt über die staubigen Pisten fliegen. Lediglich zwei Reifenpannen zwangen uns zurück ins Peloton der dauernd um uns Fahrenden. Man trifft sich sehr oft wieder auf den Strecken ….


Selbst der letzte echte Anstieg hinauf zum Kastell von Brolio brachte deutlich weniger Schmerz und Schrecken als befürchtet und die letzen Kilometer auf Asphalt waren ein Klax. Glücklich und weniger abgekämpft als im Vorjahr genossen wir Bier und Trubel auf dem Marktplatz in Gaiole, die Pasta im Festzelt und den L’Eroica-Wein am Rande des Flohmarktes mit Sicht auf die Kollegen der Cicago-Bude, die uns fachmännisch beim Öffnen der Flaschen halfen. Die Pläne fürs nächste Jahr sind verschieden. Soll es vielleicht einmal mit wirklich altem Material auf die Piste gehen um den Geist der radelnden Vorväter zu spüren? Oder gibt es Appetit auf die ganz lange Strecke?

Wir freuen uns jedenfalls schon jetzt auf den ersten Radverrückten, der uns 2013 fragt „Weißt Du schon, welches Rad Du auf der L’Eroica fährst?“ Wir freuen uns auf die schweißnassen Hände, ob die Online-Registrierung klappt. Wir freuen uns auf ein sehr gequältes Peugeot, dass immer wieder ein Highlight der Veranstaltung ist. Wir freuen uns auf die Wiener Götter des Rahmenselbstbaus, die Gruppo Sportivo Selberbruzzler. Wir freuen uns auf die züchtigen Nächte im Kloster. Und auf den leckeren Wein. Nach der L’Eroica ist vor der L’Eroica.

Hier noch ein kleiner Fake-Polaroid-Bilderroman: 

Wir sehen uns 2013. In Gaiole.

Eure Klassikermannschaft

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