Kein Pardon für Ross und Reiter: Knallen und Blasen rund um Rommerskirchen 2013

Einmal im Jahr wird ein kleiner beschaulicher Ort zwischen Düsseldorf und Köln zum Treffpunkt vieler Freunde des klassischen Radrennsports. In Sichtweite mächtiger, unablässig dampfender Kohlekraftwerke hat sich in Rommerskirchen-Nettesheim die Deutsche Rennradbörse etabliert. Neben dem sonntäglichen Teilemarkt gab es in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Ausfahrt für alle, die nicht nur schrauben und sammeln, sondern ihren Renner auch mal stilgerecht mit Gleichgesinnten bewegen wollen. Freundinnen der Wäscheleine und Freunde des Unterrohrschalthebels, insgesamt mehr als 70 an der Zahl, kamen zusammen, um auf einer mit vielen Herausforderungen gespickten Strecke ihre Grenzen zu erfahren.

Bereits eine Stunde vor dem Start herrschte vor der “Begegnungsstätte” Alte Schule emsige Betriebsamkeit. Die ersten Händler bauten ihre Kostbarkeiten auf, wohl wissend, dass etliche Rennrad-Aficionados, sprich potentielle Kundschaft, bereits mit den Hufen scharrten. Abseits der ersten Geschäfte gab es eine prickelnde, nach Kettenfett, Sitzcreme und Sonnenmilch duftende Rennatmosphäre. Räder vieler Radsportepochen wurden von Autodächern und aus Kofferräumen gehievt, Ketten und Waden geölt, Radschuhe poliert, Reifen aufgepumpt – emsige Betriebsamkeit. In der Schlange vor der Startnummernausgabe viele angespannte Gesichter, in denen sich bereits im Vorfeld die Strapazen der kommenden 70 km abzeichneten. Daneben locker feixende „Profis“, unter Ihnen auch eine schottische Radsportlegende und ein Bergetappenprofi, die solcherlei schon lange nicht mehr anficht. Hunderttausende Rennkilometer machen locker.

Dann die letzten Vorbereitungen: Ein bereits in etlichen Profirennen benutztes original Schauff-Start-und-Ziel-Banner wurde gespannt, ein paar Fahrer posierten für die Fotografen und dann bildeten sich die zwei nach Geschwindigkeit gestaffelten Gruppen: Capuccino für die schnellen FahrerInnen und Fahrer, Espresso für die Hochgeschwindigkeitsfreaks.

Die Freunde des kleinen schwarzen Beschleunigers waren dann auch die ersten, die sich bei Sonnenschein und starken Windverhältnissen auf den Weg machten. Eben dieses starke Blasen wurde schon sehr bald zwei Fahrern der kurz darauf startenden Cappuccino-Gruppe zum Verhängnis. Sie verloren in den ersten Kilometern nach dem Start auf freiem Feld den Anschluss an das Peloton. Nur einer konnte sich unter Strapazen und mit Unterstützung des heldenhaft pedalierenden Edelhelfers Jörg wieder heranfahren, der zweite Klassikerfreund musste abreißen lassen und den Nachmittag bei Kaffee und Kuchen in Rommerskirchen verbringen.

Unmittelbar nach dem harten Gegenwind folgte Anstieg auf Anstieg, zuerst schnurgerade im Angesicht mehrer qualmender Ungetüme, dann nach dem Überqueren einer alten Holzbrücke der serpentinenhafte Aufstieg zum Zentralmassiv des Niederrheins, der gewaltigen Abraumhalde Vollrather Höhe. Bei den Windrädern wurde kurz verschnauft, bevor die gnadenlose Abfahrt in Angriff genommen wurde. Gianni Motta, anscheinend wie 1968 mit Amphetaminen vollgepumpt, war kaum zu stoppen, ohne Rücksicht auf Verluste prügelte er sein Rad bis ins Tal.

Anschließend ging es durch diverse Dörfer und Meiler, über Straßen und Feldwege, in rasanter Fahrt der Verpflegung an der Raketenstation entgegen. Das Sirren der 35 perfekt geölten Ketten und das Klappern und Quietschen des einen defekten Schaltwerks ließen auch im Cappuccino-Peloton Profistimmung aufkommen. Bei einigen floss der Schweiß in Strömen, andere waren so cool, dass auch drei Lang-Lang-HiTechBekleidungsschichten keine einzige Schweißperle erzeugten. Auf den letzten Kilometern vor der Rast schob der Wind von hinten und wir flogen förmlich über die Felder.

An der riesigen, phallisch anmutenden Betonkonstruktion bei der Raketenstation war ein reichhaltiges und köstliches Buffet aufgebaut, welches selbst die Espresso-Gruppe in Verzückung versetzte. Fahrerinnen und Fahrer, die sich sonst erst ab Streckenlängen deutlich jenseits der 100 Kilometer mit Energieriegeln und Astronautennahrung versorgen, fanden sich schmatzend und schwatzend die Zeit vertrödelnd wieder und mussten schliesslich mit den harten Ellenbogen der Capuccinogruppe von den Tischen zurückgedrängt werden, die sich nun Ihrerseits mit Genuss an das Auffüllen der Energiespeicher machte.

Das wahre Gesicht der beiden Gruppen zeigte sich auf dem zweiten Streckenabschnitt. Während bei den Espressos das Tempo deutlich verschärft wurde und man nun ordentlich aufs Pedal drücken musste, um nicht abgehängt zu werden, gondelten die Capuccinos eher gemütlich durch die Landschaft und verschafften sich mehrere Extrapausen durch eingestreute Reifenpannen, gelöste Tretlagerschalen und andere Widrigkeiten. Fahrerisches Können verlangte der zum Teil raue Untergrund ab, so ging es über Sand, Schotter, Waldboden und gelegentlich auch über Asphalt bis zum großen Finale am mittelalterlichen Hohlweg kurz vor der Zieleinfahrt. Nach kurzer Beratung, die von einem Fahrer genutzt wurde, um verräterische Körperflüssigkeiten verschwinden zu lassen, spaltete sich eine kleine Gruppe der Capuccinos ab und umfuhr den grünen Tunnel. Den rutschigen Untergrund mit Dackelschneidern zu bewältigen erschien einigen nicht sinnvoll und besonders seltenes und wertvolles Material sollte geschont werden. Der größere Teil des Pelotons jedoch kannte kein Erbarmen und jagte die Stahlrösser unbarmherzig über den schmalen Pfad durch den Urwald.

Am Ende rollten beide Cappuccino-Gruppen kurz hintereinander im Ziel ein, wo die Speedfreaks bereits zum gemütlichen Teil des Abends übergegangen waren. Zu Bier und Grillgut gab es reichlich Renn- und Schrauberlatein und für einige wurde es ein langer Abend bzw. eine kurze Nacht.

Abschließend bleibt zu bemerken, dass auch an diesem Wochenende Geschichten geschrieben wurden, die die Mythen rund um den Radsport bereichern, und dass diese sicherlich nie vollends aufgeklärt werden können. So fragt sich die Rennleitung bis zum heutigen Tag, wer auf welch perfide Art und Weise das Vorderrad eines Flandria im Stehen zum Knallen brachte. Oder wie sich ein Rahmen im Angesicht drohenden Steinschlages selbst schützend in Knallfolie kleiden konnte. Ganz zu schweigen von den Schlauchreifen, die wie von Geisterhand und einem Hauch Jahrzehnte altem Klebebands auf der Felge gehalten wurden. Doch genau diese Mythen sind es, die uns alle zu Fans des Radsports und seiner Helden gemacht haben. Und uns selig machen, wenn wir mit Präzision und Geschwindigkeit pedalierend schöne Landschaften durchqueren.

This entry was posted in Allgemein, Veranstaltungen and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

9 Responses to Kein Pardon für Ross und Reiter: Knallen und Blasen rund um Rommerskirchen 2013

  1. avatar Daniel says:

    Ich fahr nächstes Jahr mit!

    … aber nur wenn’s trocken ist 😀

  2. avatar rolli-radler says:

    DANKE für die schöne und abwechslungsreiche Strecke, die umsichtige Führung, die tolle Organisation, das reich gedeckte Büfett und die netten Mitfahrer.
    Mir hat es grossen Spass gemacht und ich bin gerne wieder dabei.

  3. avatar kreuzbube says:

    70 Fahrer, keine Stürze? Respekt.

  4. avatar Jean says:

    Super Strecke, es hat wirklich Spaß gemacht, danke ! Schade nur, dass der Fotograf wohl in der Cappucino Gruppe unterwegs war 😉

    • avatar cwien says:

      Wir haben ja alle Knipser aus der Espressogruppe eingeladen, uns ihr Bilder zu senden, damit wir eine zweite Galerie bauen können. Aber es ist einfach nix gekommen. Schade….

  5. avatar wolfgang says:

    Ja, „einer kämpfte sich in der Cappuccino Gruppe gleich nach dem Start wieder ran“ das war ich. Als 200 m nach dem Start plötzlich der Antrieb an meinem Opel Halbrenner Modell „Flitzer“ blockierte, dachte ich jetzt ist alles aus. Ein kurzes Treten in die Pedale und es ging wieder (Kette hatte sich verhakt). Ich wollte es einfach wissen, ob der „Flitzer“, der erst einen Tag zuvor nach Jahren auf einem Speicher in Berlin wieder flott gemacht wurde, wieder für solche Strecken einsatzbereit ist.
    Er (Geburtsjahr 1927) hat es bestanden, ich hab’s ohne Schaltung auch überlebt und danke hiermit auch dem Edelhelfer, der mich wieder rangeführt hat.
    Wolfgang

  6. avatar Ralph says:

    Hallo, an Alle aus der Rommerskirchener Orga-Mannschaft,
    ihr habt das wirklich super gemacht! Vielen Dank für die tolle Ausfahrt!
    Die Stimmung war super und wir hatten viel Spaß. Einige von der Ausfahrt habe ich auch wieder getroffen, sei es in Mannheim auf der „Veterama“ , in Ludwigshafen oder in Karlsruhe, beim Fahrrad Gruner, alles nette Leute und tolle Erinnerungen.

    Ich war jetzt zwei mal dabei und werde auch sicher nächstes Jahr wieder kommen! Bis daher, alles Gute und bleibt Gesund!

    Ralph

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.