Der Retro-Gott radelt in Frankreich – Anjou Velo Vintage 2013

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Vol. I: La Rétro 1903

Klassikerausfahrten erfreuen sich Europaweit steigender Beliebtheit. Dass nach der L’Eroica in der Toskana und der Retro Ronde in Flandern auch die Grand Nation nicht zurückstehen darf, versteht sich von selbst. Anlässlich der 100. Tour de France in diesem Jahr teilen sich die an der Loire gelegenen Städte Saumur und Angers die Festivitäten. So können die Freunde des klassischen Renners am Samstag von Angers aus 84km nach Saumur radeln, während dort am Sonntag diverse Strecken unterschiedlicher Länge alle Freundinnen und Freunde des Retro-Zeitgeistes beglücken.

Es klingt sicherlich selbst für die fahrradbegeisterten Franzosen ambitioniert, wenn eine Rundfahrt mit dem Rad bereits im dritten Jahr des Bestehens bereits mehr als 2300 Starter vorweisen kann. Die Region rund um die Loire, weltbekannt auch für großartige Weine und Cremants, hat sich jedoch in den letzten Jahren verstärkt dem Tourismus mit dem Rad verschrieben. So gibt es bereits seit 17 Jahren die Veranstaltung „La Fete de Velo“, die ganze Familien zum Radeln animiert. Das Tourismusbüro der Loire hat diesen Event für nachwachsende Generationen interessanter gestaltet, in dem man hippe Retro- bzw. Vintage-Zutaten addiert hat. Während der Leierkastenmann aufspielt oder der Neo-Swing Caro Emerald’s vom Plattenspieler tönt, treffen die Herren mit weißen Hemden, Hosenträger, Schlägerkappen, Karostrümpfen und dem obligatorischen Schnurrbärtchen auf Damen mit Pünktchenkleidern, Blümchen, Zöpfchen und Pepitahütchen. Als zweirädriges Utensil ist alles willkommen, vom Hochrad über Mixte und Rennrad bis hin zum ultrahippen Singlespeed aus aktueller Fertigung. So gewandet lässt es sich vorzüglich entspannt über eine der beiden kürzeren Strecken – La Ballade, 35KM oder La Découverte, 46KM – an der Loire entlang radeln, die Sehenswürdigkeiten genießen und den ein oder anderen Wein verkosten.

Solch ein Mangel an sportlicher Herausforderung kommt für uns Asketen der Klassikerausfahrt natürlich nicht in Frage, wird sind schließlich nur zum Spaß den weiten Weg an die Loire gefahren. Daher war es für uns ein Muss, dass wir sowohl die „La Retro 1903“ am Samstag als auch die lange „La Rando“ mit 87km am Sonntag fahren.

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Die Zugfahrt von unserem Quartier in Saumur zum Startort nach Angers haben wir am Samstagmorgen dann erstmal mit einigen Zusatzaufgaben gespickt. Ein „Ich-habe-meine-Brille-vergessen“-Radsprint vom Bahnhof zur Unterkunft und zurück lag nur Dank eines entspannten und freundlichen Herren der französischen Bahn im Zeitlimit. Keine Hilfe war jedoch im Zug zu erwarten, als alle drei Protagonisten feststellen mussten, dass die Wasserflaschen in der idyllischen Wohnung verblieben waren. Nachdem dies mit Schulterzucken quittiert wurde, schlug ein anonymer Saboteur erneut zu und ließ wie bereits in Rommerskirchen den Vorderreifen des Flandria platzen. Bei den neu montierten Spezialreifen darf ein ansonsten recht banaler Schlauchtausch als weitere Prüfung gewertet werden, die jedoch mit Bravour bestanden wurde.

Dann endlich Angers. Grosser Bahnhof auf dem Platz vor der Regionalverwaltung. Hier wird schon seit mehreren Tagen ein Aufwärmprogramm abgespult. Musik, Signierstunden, Retro-Boxen und – hallo Death-Pedal – der obligatorische Red Bull Sound Bus

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Der Hintergrund: Am 17. Juli 1903 durchquerte die erste Tour de France auf der finalen Etape von Nantes nach Paris zuerst Angers, zwei Stunden später dann Saumur. Genau diese Geschichte nahmen die Organisatoren im Rathaus von Angers zum Anlass, 110 Jahre später einige Fahrer erneut auf die Strecke zu schicken, diesmal noch um eine kleine Schleife ergänzt zu einer Gesamtdistanz von 84km.

Nun, am Morgen der „Rétro“ viel Trara und einiges an Radsportprominenz. So geben sich unter anderem Raymond „PouPou“ Poulidor, Bernard Thevenet und Joop Zoetemelk das Mikro in die Hand und sprechen ein paar freundliche Worte zum Publikum und vor allem zur versammelten Presse. Die beiden Jungspunde unter den Tour-Veteranen schwingen sich anschliessend auch aufs Rad und fahren die Strecke mit. Die Startfahne schwingt „PouPou“ im offenen Oldtimer und führt uns samt einer ganzen Flotte von Begleitmotorrädern auch aus Angers hinaus. Auf dem Damm neben der Loire dann das Ende der neutralisierten Fahrt und ein darauf rasches Auseinanderziehen des Pulks. Hier sitzt bei Weitem nicht jeder so perfekt auf dem Rad wie Joop Zoetemelk und wir sind froh, dass wir recht weit vorne gestartet und nun auch reichlich Platz um uns herum haben. Bei ordentlichem Gegenwind geht es weiter an der Loire entlang bis zum Abzweig in Richtung des Chateau de Brisac-Quincé wo Verpflegung plus Unterhaltung in Form von Musik und Volkstanz warten.

Gestärkt pedalieren wir weiter gen Saumur und finden bald einen Mitfahrer auf einer frühen, sehr schön aufgebauten Gazelle. Wie bei mehreren Begegnungen des Wochenendes finden sich im Gespräch schnell die zu erwartenden gemeinsamen Interessen und Erlebnisse: Wie gross ist der Fuhrpark ? Warst Du bei der Retroronde ? Sehen wir uns in Gaiole wieder ?

Wir geniessen die schöne Landschaft, die grösstenteils auto und höhenmeterfreie Strecke, und rollen irgendwann entspannt auf das Festivalgelände in Saumur.

Der „place du Chardonnet“ gegenüber der Militärakademie ist zu einer Zeltstadt aufgebaut und es gibt reichlich Gelegenheit sich zu verlustieren und etwas Geld auszugeben. Neben dem Start- und Zielbereich samt Musikbühne gibt es ein grosses Gastrofestzelt, Info- und Anmeldungsstände der Veranstaltungsorganisation, einen bewachten Radparkplatz, historische Ausstellungsstücke, den Räder- und Teilemarkt, und die an Sponsoren und Händler vergebenen Pavillons. Hier präsentiert sich der renommierte Pariser Radladen Alex Singer der samt Ausfahrtsmannschaft angereist ist neben dem hippen Radladen En Selle Macel aus Paris. Beim Barbier- und Friseurstand wird Akkordarbeit verrichtet. Diverse Vintageklamottenanbieter, Modedesigner und Radzubehörhersteller zeigen und verkaufen Ihre Ware. Unterhosen mit Welmeisterstreifen treffen auf Blumengestecke und Flickzeug. Alte Trikots zu Sammlerpreisen hängen auf Bügeln. Ohne Ende Radlermützen an den Ständen und auf den Köpfen. Schaumweine und regionales Bier werden reichlich verköstigt.

Das alles lassen wir auf uns wirken, geniessen die Atmosphäre und kaufen eher zurückhaltend ein. Vieles sieht man nicht zum ersten Mal, einiges ruht bereits in den heimischen Schränken und Schubladen. Noch vor der Dämmerung rollen wir zur nahen Unterkunft und begeben uns früh zur Ruhe. Am nächsten Morgen wartet schließlich die zweite Etappe.

Fortsetzung folgt…
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6 Responses to Der Retro-Gott radelt in Frankreich – Anjou Velo Vintage 2013

  1. Hello,
    Can you send me the picture of small cyclists with el diablo (Didi Sent) ; I paint them.
    thanks
    Alain

  2. avatar Jacques Berkers says:

    Hallo CWien,
    ich bin der Mitfahrer auf der schön aufgebauten Gazelle 😉
    Danke fuer die vielen schoenen Fotos, wo ich mit draf bin beim Start von Anjou Velo Vintage.
    Hoffentlich treffe ich euch am 4’ten August in Dusseldorf Oberhausenerstr. ab 11:00 Uhr im Sattel oder ab 15:30 Uhr beim Grillen!
    Jacques

    • avatar cwien says:

      Salut Jacques,

      schön, dass Du vorbeikommst, natürlich sind wir vor Ort. Es wird spannend zu sehen, wie viele Gazellen vor Ort sind, es kommen einige unserer Freunde aus den Niederlanden…

      Bis Sonntag!

  3. avatar kreuzbube says:

    Ohne diesen Brausehersteller geht scheinbar nichts mehr. Überall drängt der sich rein. Hier hat er sich einen ganzen Fussballverein gekauft. Klebrige Sache, das….

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