Viele Menschen auf Fahrrädern, Rotwein und schöne Bilder. Die Klassikerausfahrt feiert eine Radnacht.

„Besorg dir ein Fahrrad. Wenn du lebst, wirst du es nicht bereuen.“

Mark Twain, 1917

Düsseldorf ist perfekt zum Radfahren: keine Hügel in der Stadt und alles liegt so schön eng beieinander. Wenn die Infrastruktur für Radfahrer nicht so veraltet wäre, könnte man richtig gut durch die Innenstadt rollen. Wenn… Aber es bewegt sich etwas. Gestern Abend gab’s zum Beispiel die erste Radnacht. Veranstaltet von den Machern der Rollnacht. Professionell und routiniert. Parallel hat der kleine sympathische Laden Kooperative in Flingern die L’Eroica-Bilder des Düsseldorfer Fotografen Marcus Pietrek ausgestellt. Wir waren hin und her gerissen. Und haben einfach beides verbunden….

Erstmal vorweg: ein sehr lustiger Abend. Es gab lecker Rotwein. Nein, nicht bei dem SlowSpeedContest aka Radnacht, sondern bei der L’Eroica-Ausstellung in der Kooperative. Doch der Reihe nach…

Treffpunkt war für uns die L’Eroica-Ausstellung in der Kooperative in Flingern. Von dort ging es dann in kleiner Gruppe im Rock’n’Roll-Racing Stil an den Rhein zum Startpunkt der Radnacht. Schön, dass uns dort erstmal ein ADFC-Jünger aufklärt, dass unsere Räder nur bedingt straßentauglich sind: die Speichenreflektoren fehlen. Heiliger Otto Sander, wie konnte uns das nur passieren? Egal, ignorant wie wir sind ist uns das schnuppe. Und der „Ichfahr3500kmimJahrmitdemRad“-Knecht wird uns garantiert nicht verpfeifen. Vorher müsste er selber seine Reflektorenstreifen auf den 45er Pellen mal wieder freirubbeln, ansonsten würde er gleich mit einfahren.

Angesichts solcher Gespräche kommen wir auf die Idee, dass es clever sein könnte, ganz vorne zu starten. Wir rücken vor.

Dort steht man dann zwischen Freestylern und AllTerrainern und deren „IchkannsolangeaufeinemRadstehenbisichumkippe“-Übungen. Erhöhtes Gefahrenpotential, weiträumig umfahren. Wäre ich gemein, würde ich behaupten, dass das die Leute sind, die sich nen SUV kaufen würden. Wenn sie mehr Geld hätten. Böse, ich weiß. Also Kommando zurück: Wir warten, bis alle weg sind.

Machen wir. Dauert halt ne gute halbe Stunde, aber egal. Dann geht es ja auch sofort los. Mit ca. 3,5km/h. Die Damen mit dem Hollandrad schieben, so langsam können die nicht fahren. Kennt jemand noch Saint Vitus? Die Band, deren Drummer sich zwischen jedem Snare-Schlag ne Kippe gedreht hat? So war das auf dem Rad. Neulich hat mir jemand die nicht wirklich dumme Frage gestellt, warum Radfahrer wie wir keine eigene Mucke haben. So wie Surfer. Oder Snowboarder. Die Mucke der Radnacht ist Doooooom. Black Sabbath Singles auf 33RPM. Ich komme mir komisch vor, wenn ich das schreibe, weil ich ja keiner dieser „WirhabenheutenenSchnittvon 37gefahrenund derHiSpeedlagaufebenerStreckebei58km/h“-Typen bin. Ich dachte bisher immer, ich sei langsamer Genussradler. Quatsch, ich bin Kampfradler. Fällt mir kurz nach der Kö ein. Besser gesagt, die Einsicht entsteht im Kreise meiner Liebsten. Wir wollen es wissen. Klar, bei so ner Veranstaltung komplett unpassend, aber lustig. Sich an kaum noch der Sprache mächtige ordnende Damen dranhängen, deren 356327tes „BitterechtsfahrendielinkeSpurfreimachen“ nur noch als schräges Krächzen ertönt. Da helfen wir gerne mal aus, immerhin sind auch unsere stimmlichen Organe noch besser in Schuss. Erstmal machen wir die Spur mit verbaler Unterstützung von hinten frei, dann fahren wir vor. Unterwegs haben wir die Dame dann leider verloren. Aber sie ist garantiert durchgekommen, die Schneise haben wir ja gefahren. Da wir durch solch perfide Amtsanmaßung bis nach ziemlich weit vorne gekommen sind, stellen wir fest, dass die Mucke der Veranstaltung doch eher HandtaschenHouse und Ütz-Ütz ist. Tja, was tun? Wieder zurückfallen lassen bis ans Ende? Den Spaß von vorne beginnen? Quatsch, wir drehen mitten in Flingern bei, laufen ein zweites Mal in der Kooperative ein, gucken Bilder, plaudern über Gott und die Welt und alles was uns einfällt, trinken tollen italienischen Wein, essen Brote mit Olivenöl und Salz und freuen uns auf die L’Eroica. Ein grandioser Abschluss. Auch wenn wir die sicherlich tolle Tunneldurchfahrt verpasst haben.

Nicht, dass das jetzt hier falsch rüberkommt: Die Radnacht ist eine Veranstaltung, die unterstützenswert ist. Weil sie das Fahrrad und die Radfahrer in den Mittelpunkt stellt. Überall an den Straßenrändern gab es Menschen zu sehen, die gewunken, sich gefreut, fotografiert oder gefilmt haben. Und vielleicht morgen ihr Rad mal wieder aus dem Keller holen, weil sie gesehen haben, wie viel Spaß so eine Radtour machen kann. Und deshalb beim nächsten Mal mitfahren wollen. Toll. Eine Veranstaltung für alle. Wichtig. Wunderbar. Alles, was Menschen auf ein Rad bringt, ist großartig. Und solche Maßnahmen unterstützen intelligente Verkehrskonzepte für die Zukunft. Politiker sehen ja auch, dass da Wähler auf den Rädern sitzen und auf diesen durch die Innenstadt fahren wollen.

Wer weiß, vielleicht fahren wir beim nächsten Mal auch wieder mit. Aber ne Tour mit Freunden in der Natur ist viel mehr unser Ding, als so durch die Innenstadt zu gondeln. Wir sind halt etwas anders. Und anscheinend auch nicht alleine…

Gute Fahrt in einen hoffentlich sonnigen Herbst wünscht…

Die Klassikermannschaft

This entry was posted in Allgemein and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

4 Responses to Viele Menschen auf Fahrrädern, Rotwein und schöne Bilder. Die Klassikerausfahrt feiert eine Radnacht.

  1. avatar Ralf Pracht says:

    Sehr schöner Kommentar..ein Apell an Toleranz und Freiheit. Es war ein Riesenspaß mitten auf der Kniebrücke schnell zu fahren und später dann die Ordnerin(auf einem Cityleihrad!!! Höchste Anerkennung!!!) die Rampe zur Oberkasseler hochzuschieben…warum glaubt Ihr wohl, war die so schnell? Schade, daß ich Euch in Flingern verloeren habe, Wein und Oliven wären der perfekte Energiekick gewesen. So habe ich mir noch das Stadtwerkegelände erfahren und bin dann auch ohne Tunnel flott nach Büderich zurück. Bis zum nächsten Mal.
    Ralf

  2. avatar HannsST says:

    Schöner und passender Bericht. Auf dem Heimweg über den Rheindeich gabs plötzlich kein RadStau mehr, die Kaninchen kreutzten wieder meinen Lichtkegel und ich hatte den Radweg wieder für mich. Ist schon was anderes als durch die Landeshauptstadt zu gurken. Anyway, trotzdem immer wieder grosses Staunen von mir, das so viele Leute ‚eventmässig‘ aufs Rad steigen, aber im Alltag so wenige das Rad benutzen. Trotzdem, nächstes mal wieder. Ist ja um die Ecke…..

  3. avatar Harterbrocken says:

    Oh yeah, schöner „Schenkelklopferichkriegmichnichtmehreinbericht“. Wirklich, ein geiler Text. Radnacht! Da können wir hier oben im Norden, in Hamburg, ja neidisch werden. Wir haben nur die CM. Jeden letzten Freitag im Monat. Dann kommen bis zu 3000 Leute. Na, wa sagt Ihr jetzt? Klassikerausfahrt hätten wir auch gern. Gibt es noch nicht. Leider. Aber ich sage „noch“. Ein erstes Pflänzchen beginnt zart zu sprießen. Nennt sich „Die Nordica“ und eifert der italienischen Übermutter aller stahlharten Ausfahrten nach. Also weiter sagen, Werbung machen und 2014 mitfahren: https://www.facebook.com/dienordica?ref=hl

  4. avatar Steffi says:

    Toller Event. Wär ich auch gern dabei gewesen 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.