Warum wir spätestens im Oktober in die Toskana müssen…

Als ich vor fünf Jahren auf Anraten von rennradbegeisterten Freunden das erste Mal die L’Eroica in der Toskana besuchte, konnte ich nicht ahnen, dass meine damals neu ausgebrochene Rennradbegeisterung durch den Ausflug einen bis heute andauernden Schub erleben sollte. Für mich ging es 2010 lediglich darum, die 75km kurze Strecke trotz eines frischen Kreuzbandrisses halbwegs souverän zu meistern. Und meinen neuen Bekannten aus dem Rennradforum bei der gemeinsamen Runde kein Klotz am schnellen Bein zu sein.

Am Sonntagnachmittag, den 3.10.2010, überquerte ich schließlich schwer eingesaut von einer Pampe aus Regen und „Strade bianche“-Staub die Ziellinie, glücklich und unglaublich zufrieden. Froh, dass ich in einer tollen Truppe aus deutschen und österreichischen Klassikerfreunden viel gefahren, wenig geschoben und mich nicht auf die Nase gelegt hatte. Ankommen war damals als Ziel für mich ambitioniert genug. Bei der folgenden Pastaparty im Zelt brachte dann einer der Mitstreiter das Gefühl auf den Punkt: „Männer, wir sind Helden.“ Genau. Danke. Am Abend kam ich dann ziemlich zerstört in meiner Bleibe 35km außerhalb von Gaiole an, doch schon am nächsten Morgen war mir klar: hier warst du nicht zum letzten Mal am Start.

Im Oktober 2014 hab ich nun den Spaß das fünfte Mal erlebt, zum dritten Mal die mittlere Distanz von 135km abgespult, weiß nun, dass ich eigentlich kein echter Held bin, weil ich mich noch immer um die 205km drücke und bin nach wie vor gnadenlos begeistert von meinem jährlichen Ausflug in die Toskana. Klar ist es grenzwertig, hin und zurück 2600 km mit dem Auto zu fahren, um im Chianti ein paar Kilometer auf einem veralteten Renner über Schotterpisten zu radeln. Aber Vernunft ist in dem Fall kein Ratgeber. Ich muss im Oktober in die Toskana, ohne würde mir etwas fehlen.

Viele fragen sich, warum man auf die Idee kommt, mit Unterrohrschalthebeln, freiliegenden Bremszügen – im Volksmund Wäscheleinen genannt – und Körbchenpedalen staubig-schotterige Pisten mit üblen Anstiegen und noch fieser aussehenden Abfahrten bezwingen zu wollen. Möglichst mit Wolltrikot und alten Radschuhen bekleidet. Nach fünf Jahren bin ich gut geschult in Erklärungsversuchen, für mich gibt es viele gute Gründe.

Erstmal mag ich den Schritt zurück, diese technische Limitierung als Gegensatz zu dem uns alle immer umgebenden „Höher-Härter-Schneller-Weiter-Leichter“-Wettrüsten. Und da bin ich ja nicht alleine, im hochtechnisierten Umfeld sehnen sich immer mehr Menschen nach den so genannten wahren Werten, nach dem „Früher“, als alles angeblich noch gut oder zumindest einfach war. Ansonsten stellen wir uns uns in unserer Freizeit ja gerne sportlichen Herausforderungen, ob Tough Mudder-Hindernisläufe, Triathlon an illustren Schauplätzen, organisierten Alpenüberquerungen oder unterschiedlichen Marathonwettbewerben, viele müssen einfach mal dabei gewesen sein. Fast immer spielt bei solchen Events die Zeit eine Rolle, wir messen uns mit Teilnehmern und der Uhr. Die L’Eroica ist anders. Na klar, man kann die 209km lange Strecke kräftig durchknallen, um am frühen Nachmittag beim Bier in der Dorfstraße zu sitzen. Aber man kann halt auch die 75er Runde so absolvieren, dass man 10 Stunden benötigt und zwischenzeitlich erhebliche Mengen Ribolita und Rotwein konsumiert. Jeder kann sich seine eigene Herausforderung basteln und das Ankommen ist immer eine Belohnung. Spaß oder Mühsal, alles ist möglich. Nach der L’Eroica lernt man dann das moderne Rad wieder schätzen, doch das Gefühl, dass man auch mit einem alten Zossen eine ambitionierte Strecke bezwingen kann, nimmt einem niemand.

Auch wenn die L’Eroica sich sich in ihrer Grundausrichtung treu bleibt, so bemerkt der treue Besucher doch jedes Jahr kleine Veränderungen: alles ist im Laufe der Jahre ein wenig größer, professioneller, massentauglicher geworden. Zugeständnisse an den unvermeidlichen Erfolg. Schließlich ist unser Lieblingsthema, das klassische Rennrad und die unzähligen Geschichten darum, in aller Munde, Menschen aller Altersklassen sind begeistert von der zeitlos gelungenen Kombination von Design und Technik. Heute testen aktuelle Radmagazine wieder Stahlrenner, berichten über die L’Eroica und alle anderen Retroveranstaltungen und bereichern somit den Kosmos der Radsportgemeinde.

Der Andrang auf die Startplätze ist daher in den letzten Jahren immer größer geworden, vor fünf Jahren konnte man sich noch recht kurzfristig anmelden, mittlerweile gilt ein Losverfahren, um den Zulauf der Mitfahrer zu regeln. Man denkt derzeit auch darüber nach, die Modalitäten zu verändern, sucht nach Möglichkeiten, die Startplatzvergabe fairer zu gestalten. Alle Kritiker, die die Limitierung auf ca. 5500 FahrerInnen kritisch sehen, sollten bedenken, dass es der L’Eroica hoch anzurechnen ist, die Anzahl der Mitfahrer nicht in astronomische Höhen schnellen zu lassen. Und dann kommen natürlich auch etliche Experten dazu, die sich anmelden, gelost werden, aber nicht hinfahren, weil es halt zeitlich nicht passt. Ist ja halb so wild, hat ja fast nix gekostet. Schade nur, dass diese die Anzahl der Startplätze weiter verringern. Aber es gibt ja auch glückliche und lobenswerte Ausnahmen: Fahrer über 65 und die Göttinnen des Pelotons sind privilegiert und dürfen sich einfach so anmelden. Fahrer über 65? Ja. Radsport kann man auch im fortgeschrittenen Alter betreiben. Was mir Hoffnung macht. All die sehnigen, austrainierten, braungebrannten und enorm gesund aussehenden Rentner, die mit schlanken muskulösen Waden ohne ein Gramm Fett die Berge hochdrücken, setzten ein Zeichen. Hier in Deutschland herrscht ja ab einem gewissen Alter das wenig erstrebenswerte Bild des wohlbeleibten Herrn in Lyrcapelle vor, der Gewicht lieber am Rad spart als als eigenen Körper.

Doch zurück ins schöne Gaiole. Der Ort selbst, mittlerweile mit einem eigenen L’Eroica-Laden für viele schöne Dinge und wenig SchnickSchnack gesegnet, platzt von Freitag bis Sonntag aus allen Nähten. Der Teilemarkt wird immer größer, jedes Jahr meckern alle über die noch höheren Preise und freuen sich dann doch wieder über die unfassbaren Schnäppchen, die man machen kann. Samstags erobern schlechte DJs und der örtliche Viagra-gestählte-Berlusconi-Verschnitt die Dorfstraße, die allerlei Rummelplatzatmosphäre bietet. Man steht mitten drin und will raus. Möglichst schnell.

Nur 200 Meter weiter ist alles beim alten, man sitzt beim Espresso vor dem lokalen Büdchen oder dem improvisierten Campingplatz des örtlichen Fußballvereins, plaudert und freut sich, dass viele von denen, die man in den fünf Jahren kennengelernt hat, auch wieder dabei sind. Der Virus steckt an, und das ist auch schön. Weil viele der Menschen, die man dort mehr als einmal sieht, ähnlich ticken, wie man selbst.

Wenn man im letzten Jahr am Nachmittag ins Ziel kam, musste man sich in eine der drei Schlangen stellen, um Zielstempel und kleines Geschenk in Empfang zu nehmen. Eine sehr interessante Wartezeit, die zeigt, wie vielschichtig die Veranstaltung L’Eroica und ihre Starter sind. Die Schlange der 35km-Absolvierer ist die Schlange der Neueinsteiger und neugierigen „Hier-sollte-man-mal-dabeigewesen-sein“Teilnehmer. Angeklebte Schnurrbärte, lustige Kostümierung, abgerockte Räder und rotweinbefeuerter Spaß stehen hier bei den meisten FahrerInnen im Vordergrund. Daneben die Absolventen der 75km -Runde, eine Mischung aus Spaß und Sport, wer mit angeklebtem Schnurrbart unterwegs war guckte jedoch oftmals ganz schön groggy aus der Wäsche. Die nächste Schlange, die der 135km-Kandidaten, ist ein Querschnitt der Teilnehmer, allerdings sieht man fast allen auch an, dass sie gerade etwas überstanden haben, was nicht ganz ohne war. Müde Gesichter mit glücklichen Augen, aber auch abgerockte, eingestaubte Helden mit kleinen Kratzern, die so aussehen, als wäre der Spaß irgendwann unterwegs durch Durchhaltewillen ersetzt worden. Freude und Zufriedenheit kommen bei diesen Teilnehmern etwas zeitversetzt zurück, das kennt man aus Erfahrung. Das sind die drei Schlangen. Falls jetzt jemand fragt, was mit den wahren Heldinnen und Helden ist, die die lange Distanz von 205km absolviert haben: die müssen nicht Schlange stehen, die können einfach so rechts an den Wartenden vorbei. Einerseits, weil es eh nicht so viele gibt, die die lange Strecke geritten sind, andererseits sollten sie auch nicht warten müssen, schließlich sind sie die wirklichen L’Eroici.

Die unterschiedlichen Starter zeigen, was die L’Eroica alles ist: Sportveranstaltung, Lifestyle-Event, Urlaubshöhepunkt und Karneval. Jeder nimmt aus anderen Gründen teil, aber alle spüren den ganz eigenen Flair und Charme, die lockere, familiäre Art. Ein Dorf steht Kopf. Vor lauter Begeisterung für das klassische Rennrad. Leidenschaft in seiner schönsten Form.

Also, ab sofort gilt Daumen drücken, damit wir auch am ersten Oktobersonntag 2015 wieder die Schotterpisten um Gaiole unter die Reifen nehmen können. Unsere Anmeldung für die Auslosung haben wir vor ein paar Tagen abgeschickt, jetzt hilft nur noch warten und Chianti trinken.

Wir freuen uns schon jetzt. Wir können nicht anders.

Die Klassiker-Brigade

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One Response to Warum wir spätestens im Oktober in die Toskana müssen…

  1. avatar Jacques says:

    Danke Carsten,
    die Eroica Atmosfaere has du gut getroffen. Mir ist vor allem wichtig, die Woche im Anlauf zum heroischen Treffen. Die Chianti Gegend geniessen und ganze Strecken fahren, ueber die permanente Route der Eroica sind die lange Anreise schon wert.
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    –('_)/ ('_)……………..(.*.) / (.*.)
    Groeten, Jacques Berkers

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